Ich war gerade eine Woche auf den Yasawa Inseln von Fiji unterwegs. Jetzt sitze ich im Shuttle Bus zum Hostel und warte darauf, dass er losfährt. „We have to be online!“, sagt die eine Radiomoderatorin zur anderen. „We can’t live without internet these days!“, erwidert diese daraufhin. „Wirklich?“, denke ich mir. Müssen wir immer online sein? Verpassen wir etwas, wenn wir es nicht sind? Ich war gerade eine knappe Woche offline und denke, dass ich in den Tagen nichts versäumt habe.
Was machen wir eigentlich mit unser Freizeit?
Was macht man eigentlich so als Mensch, wenn man den ganzen Tag online ist? Die Frage habe ich mir gerade erneut gestellt während ich ohne Internet in der Nabua Lodge und dem Korovou Resort auf Fiji saß. Ganz beantworten konnte ich sie in diesen Augenblicken zwar nicht, aber um sie beantworten zu können, habe ich mein Verhalten beobachtet als ich wieder Internetzugang hatte.
Und ta-da: Daddeln. Wir daddeln in 90 Prozent der Fälle. Wir scrollen bereits nach dem Aufwachen durch Facebook, in der Hoffnung, dass irgendeiner der Freunde etwas gepostet hat. Oder lesen einen Artikel der unzähligen Seiten, die wir geliked haben. Wobei ich zugeben muss, dass ich die meisten Artikel anfange und nicht beende. Oft sind sie zu lang, kommen nicht auf den Punkt oder treffen einfach nicht den Kern der Überschrift. Dann denke ich mir immer, jetzt musste wieder irgendein Journalist einen thematisch langweiligen Artikel verfassen, damit genügend Content produziert und das Volk amüsiert wird. Denn etwas anderes ist es am Ende nicht. Wer will sich schon den ganzen Tag damit beschäftigen, was gerade im Detail in der Welt passiert.
Wir, die drei Affen von Nikkō
Hmm. Warum eigentlich nicht. Denn wir gehen auf Reisen, um die Welt besser zu verstehen. Besuchen fremde Länder und wollen ihre Kulturen in der Tiefe erleben. Leben vor Ort mit Einheimischen, um ihre lokalen Probleme, Sorgen und Nöte zu verstehen. Doch wenn wir vor dem Handy sitzen, dann wollen wir das alles nicht sehen, hören, lesen. Dann möchten wir eine schöne heile Reisewelt sehen.
„Was nicht dem Gesetz der Schönheit, also einem angemessenes Verhalten, entspricht, darauf schaue nicht; was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, darauf höre nicht; was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, davon rede nicht; was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, das tue nicht.“ So steht es im 12. Buch des Konfuzius. Wenn ich nichts Schlechtes sehe, dann gibt es das auch nicht. „Audi, vide, tace, si vis vivere in pace – Höre, sieh und schweige, wenn du in Frieden leben willst!“ Und darum schauen wir uns lieber leichte Kost wie Schminktutorials, Selbstversuche von Journalisten und Bloggern, Foodvideos oder Reisevlogs an.
„Ich, Du, hier, ein Bier. Das ist die Realität.“
Aber ich schweife ab. Genauso wie wir es tun, wenn wir nur mal kurz online gehen, um zu schauen was in der Welt so passiert. Frage ist immer welche Welt. Täglich passiert im echten Leben ganz viel. Das merkst du aber nur, wenn du das Handy weg legst, den Laptop zu klappst und dich auf ein Gespräch mit einem echten Menschen einlässt. Einem aus Fleisch und Blut. Mit dem du im Hostel sitzt und ein Bier trinken kannst. Und der dir klar macht: „Ich, Du, hier, ein Bier. Das ist die Realität.“ Stimmt, hab ich vergessen.
Wir vergessen, dass reale Menschen, reale Geschichten erzählen. Geschichten, die spannend sind. Geschichten, die mitnehmen, bewegen, berühren. Geschichten, die schön sind oder dich zum lachen bringen. Geschichten, die dir das Herz zerreißen und dich manchmal zum weinen bringen. Dass sind die Geschichten, die in zahlreichen Reisetagebüchern oder Biografien stehen und in den meisten Fällen hinter den eigenen vier Wänden weggeschlossen werden.
Dabei ist das Leben ist wie eine Bibliothek, voll mit Büchern zum ausleihen, geschrieben von Menschen, die etwas erlebt haben und dich mit ihren Erzählungen in neue Welten entführen. Dass sind die aufregenden Geschichten, die es zu lesen gilt. Und wenn du gerade von keinem echten Menschen zum Geschichten erzählen umgeben bist? Dann ist es gut ein Buch in der Tasche zu haben. Ob als gebundene Ausgabe, Kindle-Edition oder Audiovariante ist egal. Hauptsache ein Buch.
Ich hab in der Zeit auf Fiji endlich die Zeit gefunden mein 16-Stunden-Buch „Homo Deus“ von Yuval Noah Harari zu hören, denn die 16 Stunden hatte ich mit Mal. Wie oft habe ich es davor angefangen, 20 Minuten gehört und mich dann doch wieder von irgendetwas, wie Instagram, ablenken lassen. Noch so ein soziales Netzwerk das uns heute bestimmt. Stundenlang kann man sich durch Fotos scrollen, liken, kommentieren und denken, da will ich auch hin. Und das obwohl du gerade an einem anderen wunderschönen sitzt, bei dem sich anderen denken, da möchte ich auch hin. Anstatt also ständig neuen Orten hinterher zu jagen, sollten wir lieber den genießen und entdecken an dem wir gerade sind.
Zeit einen internetfreien Tag zu füllen
Das geht heute allerdings nur noch, wenn wir in den Offline-Modus gehen und dazu müssen wir mittlerweile gezwungen werden. So wie auf Kuba. Auf der Insel ticken die Uhren anders. Es gibt zwar Wifi, aber das nur wenn du dich mindestens eine halbe Stunde anstellst, um ein 1-Stunden- oder 5-Stunden-Ticket zu erwerben und dich dann neben alle anderen Handy-Zombies in einen Wifi-Park setzt. Natürlich immer in der Hoffnung, dass die Verbindung gut ist.
Da der Tag aber nun Mal 24 Stunden hat, müssen die restlichen 18 bis 23 Stunden irgendwie gefüllt werden. Ziehen wir jetzt standardmäßig acht Stunden Schlaf ab, dann bleiben immer noch zehn bis 15 Stunden, die es zu füllen gilt. Ich hab in der Zeit einen Spanischkurs gemacht, denn ich finde, wenn ich schon für ein halbes Jahr durch Lateinamerika reise, dann kann ich auch die Sprache lernen. Bis auf Brasilien wird nun wirklich überall mit mehr oder weniger Dialekt Spanisch gesprochen. Da schadet es nicht ein paar Stunden am Tag in eine neue Sprache zu investieren, um sich mit den Einheimischen besser austauschen zu können. Denn Verständigung funktioniert grundsätzlich einfacher, wenn du dieselbe Sprache sprichst.
Oder zuweilen auch nicht. Hin und wieder kannst du auch dieselbe Sprache sprechen und feststellen, dass dich dein Gegenüber trotzdem nicht versteht. Und wäre die Lage in solchen Momenten nicht sowieso schon angespannt, dann könntest du dich zusammensetzen und vernünftig darüber reden. Oder aber du haust deinem Gegenüber um die Ohren, dass er deine Probleme nicht nachvollziehen kann, dir richtig auf den Sack geht und dich einfach nur noch nervt. Natürlich immer vorausgesetzt, dass dieser trotzdem Verständnis für dich hat, während du ihm mental richtig eins auf die Fresse haust.
Das Leben der Anderen
Es gibt sie, diese Menschen, die dir immer ein schlechtes Gefühl geben bis du den Blödsinn glaubst. Es gibt diese Menschen, die immer ein neues Problem finden, sobald du die Lösung für ein anderes hast. Es gibt sie, die dir immer wieder sagen, worin du nicht gut bist und was du besser machen solltest. Die, die dir sagen, was dir nicht steht und das du mal wieder mit einer Freundin shoppen gehen könntest. Die, die finden du solltest mal wieder Sport machen. Die, die immer das Problem bei dir suchen, aber nicht bei sich selbst anfangen.
Es ist immer leichter den Anderen die Schuld zu geben und seine Mitmenschen oder die Gesellschaft an den Pranger zu stellen. Doch die Gesellschaft ist nichts anderes als ein System einzelner, eigenverantwortlicher Menschen. Menschen, die glauben es täte ihnen gut sich ständig zu vergleichen und soziale Netzwerke verstärken dieses Phänomen. Permanent wirst du damit konfrontiert, dass das Leben der Anderen besser ist, obwohl sie nur das Gute posten. Klar, das Gras vom Nachbarn ist immer grüner. Was allerdings viele vergessen, ist, dass der Nachbar dafür täglich den Rasen düngt und bewässert, Unkraut jätet und mäht. Und wofür das Ganze? In der heutigen digitalen Gesellschaft mit seinen sozialen Netzwerken für einen Like oder neue Follower.
Doch wer braucht den ganzen Firlefanz, wenn er vergisst warum er etwas macht. Warum machst du deine Reise, wenn du doch nur ständig vor dem Rechner hängst, Fotos auf Instagram anguckst oder Netflix schaust? Um sagen zu können „Ich war hier und dort. Ich habe die Welt gesehen.“ Wenn du die echte Welt sehen willst, dann lege das Handy weg. Ohne die elektronische Verbindung zur Außenwelt nimmst du vielleicht ihren wirklichen Kern wahr. Ohne die sozialen Netzwerke mit ihren ganzen „Freunden“ konzentrierst du dich vielleicht wieder mehr auf dein reales Netzwerk, beschäftigst dich mit deinen Beziehungen und erkennst welche Menschen dir wirklich gut tun.
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