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Asphaltblut: Mit dem Roller durch Südostasien

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Seite 2: Die harten Roller-Fakten

Warum Roller fahren? Weil ich es kann!

Das war meine Geschichte. Davon gibt es in Südostasien tausende. Ich hatte Glück, hab auf Bali weitaus schlimmeres gesehen. Auspuffverbrennungen, großflächige Hautabschürfungen an Unterarmen und Oberschenkeln, sowie Verschorfungen, denen man auch so ansah, dass die Wunde mal bis auf den Knochen reichte. Ich war erst 14 Tagen in Indonesien als der Unfall passierte. Ein Großteil von Asien liegt noch vor mir. Die Geschichten, die ich über Rollerunfälle aus Thailand und Vietnam höre, lassen mich erschauern. Neben der Tatsache, dass auch die Einheimischen einen teilweise fragwürdigen Fahrstil haben, ist es doch immer der gleiche Grund. Fahrunsicherheit. Die meisten haben kaum Fahrpraxis oder fahren das erste Mal mit dem Roller. Und warum fahren sie trotz dessen? Weil sie es dürfen. Laut Fahrerlaubnis.

Ein bisschen Statistik zur Fahrerlaubnis

Im Jahr 2017 verzeichnete das Kraftfahrt-Bundesamt über 16 Millionen Fahrerlaubnisse der Klasse B. 16 Millionen Menschen, die einen Roller fahren dürfen ohne darauf praktisch geprüft worden zu sein. Nur etwas über vier Millionen Bundesbürger haben eine Prüfung in dem Bereich gemacht und wissen wie man einen Roller bzw. Arbeitsmaschinen fährt. Sie werden separat unter sonstige Fahrzeuge aufgeführt.

Weitere 16 Millionen Menschen besitzen eine Fahrerlaubnis für Krafträder der Klassen A, A1 und A2. Sie haben gelernt Motorrad zu fahren. Zusammengenommen gibt es über alle Fahrklassen verteilt fast 58 Millionen Fahrerlaubnisse in Deutschland. Ausgestellt auf 37.5 Millionen Führerscheine. Trotz der Tatsache, dass der ein oder andere weiß wie man einen Roller bedient, werfen die Zahlen drei Fragen bei mir auf. 1. Wie groß ist die Anzahl derer, die nicht wissen wie man einen Roller fährt? 2. Warum brauche ich im Jahr 2018 die Fahrzeugklasse L zur Bedienung von Arbeitsmaschinen in meinem Führerschein? 3. Und warum habe ich in der Fahrschule nicht gelernt einen Roller zufahren?

Die reellen Fakten

Es sind banale Fragen, die im Jahr 2018 eigentlich nicht mehr zur Debatte stehen sollten. Doch sie sind da und in meinem Kopf puffen sie immer wieder wie ein Pop-up auf. Warum habe ich die Möglichkeit Arbeitsmaschinen zufahren? Jetzt mal im Ernst. Ich lebe in Deutschland, einem Staat der advanced economies. Ich bin so wie viele meines Alters in einer Dienstleistungsgesellschaft groß geworden. Der Dienstleistungsbereich machte im Jahr 2017 einen Anteil von 69 Prozent an der deutschen Bruttowertschöpfung aus. Nur ein knappes Drittel fiel auf den industriellen Sektor.

Der industrielle Sektor definiert sich hauptsächlich durch das produzierende Gewerbe, also die Wirtschaftsbereiche Bergbau, verarbeitendes Gewerbe, Energie- und Wasserversorgung, Baugewerbe sowie Betriebe des produzierenden Handwerks. Mit nicht einmal einem Prozent fällt in dieses knappe Drittel noch die Land- und Forstwirtschaft. Zusammen stellen sie die Bereiche für die gerade die Fahrzeugklassen L relevant sein mag. Würden wir noch im Jahr 1910 leben, wäre diese Logik nachvollziehbar. Es handelte sich um eine Zeit als die Land- und Forstwirtschaft, sowie das produzierende Gewerbe, den größten Anteil an der Nettowertschöpfung ausmachten. Es ist außerdem eine Zeit in der die Industrialisierung und Motorisierung erst anfingen.

Die Evolution des Führerscheins

Laut Experten war 1910 auch das wahre Geburtsjahr des Führerscheins, denn im selbigen wurde die „Sammelstelle für Führer von Kraftfahrzeugen“ in Berlin eingerichtet. Sie gilt als der Vorläufer des Kraftfahrt-Bundesamtes in Flensburg. Die Stadt bei der viele nur an Punkte denken. Punkte für Verkehrsdelikte wie zu schnelles Fahren, Alkohol am Steuer oder für das Verursachen von Unfällen.

Verkehrsunfälle waren schon Anfang des 20. Jahrhunderts ein Problem. Trotz nur weniger Fahrzeuge häuften sich diese im Straßenverkehr und führten dazu, dass man 1910 eine deutschlandweite Prüfungspflicht einführte. Die Prüfung bestand zunächst aus dem Mindestalter von 18 Jahren, dem Nachweis einer Fahrschule sowie dem Beleg der Fahrprüfung. Über die Jahre wurden die Regularien strenger, insbesondere mit dem Einsetzen der Massenmotorisierung in den fünfziger Jahren. Zur praktischen Prüfung kam die mündliche hinzu. Seit 1964 gibt es diese mündliche Prüfung aus Gründen der Effizienz als Multiple-Choice-Test.

Bis auf die Anpassung der mündlichen Fragen an die aktuellen Trends, hat sich seitdem nicht mehr viel geändert. Dabei wär dies gerade im Bereich der Praxis zwingend erforderlich. Wer braucht heute noch die Fahrerlaubnisklasse L? Kaum jemand. Es würde soviel mehr Sinn machen, wenn man als Fahrschüler wählen könnte, ob man den klassischen Führerschein oder stattdessen die Fahrklasse A1 macht. Diese beinhaltet nicht nur das Fahren der Klasse AM, sondern auch das Fahren von Leichtkrafträdern bis 125 ccm Hubraum. Das würde einem das Roller fahren auf der Welt erleichtern, denn anders als bei deutschen Scooter-Sharing-Anbietern sind die Roller nicht auf 50 Kilometer die Stunde gedrosselt. Unabhängig von der Entscheidung des Fahrschülers sollten in der Praxis aber auf jeden Fall Sonderfahrten mit dem Roller angeboten werden, denn diese gibt es bis heute nicht.

Die gefühlten Fakten 

Ortswechsel. Wir schreiben das Jahr 2002. Meine Großeltern haben ein Führerscheinkonto für mich eingerichtet, damit ich den Führerschein machen kann. Ich komme aus der Kleinstadt, ein Auto ist wichtig. Ich bin 17 Jahre alt, melde mich für die Fahrschule an, lerne die gesamte Theorie, bestehe die Prüfung, darf endlich hinters Steuer. Es gibt die Pflichtstunden im Auto, um Fahrpraxis zu bekommen. Zusätzlich müssen Sonderfahrten absolviert werden. Fahren über Land, fahren auf der Autobahn, fahren bei Nacht. Alles ausschließlich mit dem Auto. Nicht einmal wird ein Roller bewegt, obwohl ich den später fahren darf. Naja, Schwamm drüber, ist schließlich 15 Jahre her.

Die Welt hat sich weiter gedreht. Ich rede nach meinem Unfall mit Freunden über das Thema. Erste Reaktion: „Rollerverbot!“ oder auch „Darum fahre ich keinen Roller.“ Meine Freunde sind zwischen 26 und 33. Ok. Warte mal. 26 Jahre. Altersunterschied zu mir sind dann sieben Jahre. Führerschein vorhanden, mit 18 gemacht, also im Jahr 2009. Auf Nachfrage ergibt sich auch hier das gleiche Bild – keine Ahnung vom Roller fahren. Die Welt hat sich zwar weitergedreht, die Führerscheinwelt anscheinend nicht. Doch das reicht mir nicht als Beweisgrundlage. Irgendwann nachts durchfährt mich ein Geistesblitz. Ich schreibe meiner Cousine. Sie ist 20. Vielleicht sieht es bei ihr anders aus. Aber auch in diesem Fall siegt die Ernüchterung. Sie hat zwar erst seit 2014 den Führerschein, aber Roller fahren kann auch sie nicht. Ich komme ins Grübeln. Fange an zu googeln, denn ich will wissen was Fahrschulen heute anbieten und was der Führerschein der Klasse B derzeit beinhaltet. Ergebnis. Das gleiche Produkt wie vor 15 Jahren, nur der Preis ist ein anderer.

Ein Ideensturm

Zwei Betrachtungsweisen, eine Erkenntnis. Das System ist veraltet und sollte dringend überholt werden. Aus geschichtlicher Sicht machte die Entwicklung des Führerscheins Sinn. Mit Einführung des neuen motorisierten Untersatzes war es unabdinglich, dass Menschen das Autofahren lernen. Das Fahren von Landmaschinen oder dem Mofa übten viele oftmals auf dem elterlichen Hof. Anders ist es heutzutage in Asien auch nicht. Gehe ich in ländlichen Gebieten durch die Straßen, kommen mir bereits 12-jährige auf dem Moped entgegen. Den Führerschein dafür machen sie mit 17. Der Roller ist das Hauptverkehrsmittel in diesen Ländern. Bewege ich mich durch Städte wie Yogyakarta, dann besteht der Stadtverkehr primär aus Mopeds und Motorrädern.

In Deutschland sieht die Welt anders aus. Mopeds und Roller machen immer noch einen kleinen Teil aus. Der Markt wächst erst durch Roller-Sharing-Dienstleister wie Emmy oder Coup. Allein in Berlin bringen sie zusammen 1700 Roller auf die Straße. Trend: weiter steigend. Eine Studie der Mobilitätsforscher InnoZ ergab, dass sich die Zahl der Städte mit Roller-Sharing seit 2012 auf 29 ausgeweitet hat. Von den weltweit insgesamt 8000 zur Verfügung stehenden Rollern befinden sich 2500 alleine in Deutschland. Die Zahl wirkt klein verglichen zu den rund 35 Millionen Deutschen mit einer Fahrerlaubnis der Klasse A, B oder AM. Liest man diese Zahl, erkennt man, dass das Marktpotential enorm ist. Doch gleichzeitig wirft sich mir die Frage auf: Wie willst du als Unternehmen dein maximales Potential ausnutzen, wenn es auf dem Markt eine Dunkelziffer gibt, die dein Produkt zwar benutzen darf, aber nicht kann? Vielleicht in dem du mit Zusatzangeboten den Markt veränderst. Wäre es nicht praktisch, wenn Roller-Sharing-Anbieter ein Paket haben mit dem man bei seiner Fahrschule um die Ecke einen entsprechenden Aufbaukurs mit Sonderfahrten machen könnte?

Eine Win-Win-Situation wäre es alle mal. Für Roller-Sharing-Anbieter und Fahrschule. Denn Unternehmen wie Emmy und Coup stünde eine größere Kundengruppe zur Verfügung und Fahrschulen hätten nicht nur eine zusätzliche Einnahmequelle, sondern könnten den ein oder anderen langfristig dazu gewinnen noch einen Motorradführerschein zu machen. Trotzdem, am Ende ist es eine Idee. Wie viel Potential in ihr steckt, kann ich nicht sagen. Was ich aber weiß ist, dass ich das Produkt nutzen würde, denn auf einen Roller werde ich definitiv wieder steigen.