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Asphaltblut: Mit dem Roller durch Südostasien

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Seite 1: Meine Roller-Geschichte

Was einst das Fahrrad war, ist heute der Roller. Viele Langzeitreisende wollen mit dem Moped Südostasien erkunden. Es kostet nicht viel, ist leicht gemietet und ermöglicht es einem an Orte zu kommen, die mit dem Bus oder Auto manchmal unzugänglich sind. Der Roller steht für Flexibilität, Leichtigkeit, Lebensfreude und Abenteuerlust. Leider gibt es bei all der Euphorie nur einen Haken. Die wenigsten wissen wie man einen Roller fährt.

Ich miete mir dann mal einen Roller

Es ist der 23. März 2018. Die beiden Mädels, die ich hier in Yogyakarta kennen gelernt habe, fragen mich, ob ich mit zum Tempel Borobudur möchte. Klar. Warum nicht. Hab für heute nichts geplant. Bin gestern Abend nach 12 Stunden Zugfahrt aus Bangyuwangi angekommen. Eine halbe Stunde nach unserem Gespräch weisen sie mich noch darauf hin, dass ich einen Roller brauche. Ok. Kein Problem. Ich miete mir einen. Die im Hostel sind bereits weg, also hole ich mir einen Roller beim Verleih am Hauptbahnhof. Was ich dafür brauche: Eine ID-Karte zum Hinterlegen, meinen Führerschein und Geld. Den Internationalen Führerschein will keiner sehen. Besser für mich, denn den hab ich inklusive Bauchtasche und Impfausweis am Flughafen von Mexiko-Stadt verloren. Zum Glück hab ich Kopien gemacht. Egal. Zehn Minuten später habe ich einen Roller gemietet, schaue den Verleiher an und lasse mir die Bedienung erklären. Denn ich bin in meinem gesamten Leben noch nie Roller gefahren. So wie eine Vielzahl der Deutschen, die im Besitz einer Fahrerlaubnis der Klasse B sind.

Führerscheinklasse B – Eine Bestandsaufnahme

Die Führerscheinklasse B. Die beliebteste aller Führerscheinklassen. Sie beinhaltet nicht nur, dass mit dem Erwerb ein Auto oder im Bürokratendeutsch ein vierrädriges Kraftfahrzeug bis 3.500 kg zur Beförderung von bis zu 8 Personen (+ Fahrer), mit Anhänger bis 750 kg, also in Kombination bis 4.250 kg bewegt werden darf, sondern auch Fahrzeuge der Klasse L (selbstfahrende Arbeitsmaschinen, selbstfahrende Futtermischwagen, Stapler und andere Flurförderzeuge, land- und forstwirtschaftliche Zugmaschinen), sowie Krafträder der Klasse AM, früher M (also zweirädrige Kleinkrafträder, Fahrräder mit Hilfsmotor, dreirädrige Kleinkrafträder, vierrädrige Leicht-Kfz bis 350 kg ohne Gewicht der Batterien bei Elektrofahrzeugen, bis 45 km/h, bis 50 ccm (Benziner), bis 4 kW (Diesel, Elektro). Bei genau diesen Krafträdern handelt es sich um Roller.

Jetzt sind wir mal ehrlich, die meisten wissen noch nicht mal wie man einen Roller startet. Aber man kann alles lernen und Reisen sind auch dazu da den eigenen Erfahrungsschatz zu erweitern. Also bin ich mutig und fahre Roller. Der Anfang ist holprig, denn gerade das Anfahren will gelernt sein. Schlussendlich wird es mir zum Verhängnis. Langsam Gas geben, immer einen Sicherheitsfinger auf beiden Bremsen, das Bein schnell genug einziehen. Damit die Mädels Bescheid wissen, weise ich sie darauf hin, dass ich heute das erste Mal in meinem Leben Roller fahre. Sie schauen mich verdutzt an, schlagen mir vor, dass eine von Ihnen fahren kann bzw. wir unterwegs tauschen. Ich behalte ihr Angebot im Hinterkopf und probiere es zunächst selbst, denn ich will Roller fahren lernen.

Klassischer Anfängerfehler

„Wie läuft es mit dem Roller?“, werde ich nach einer halben Stunde beim Obst kaufen gefragt. „Ich werde sicherer. Das Schwierigste ist das Anfahren.“, gebe ich zurück. Gleichzeitig denke ich mir, „Naja überholen vielleicht auch.“ Denn wir sind in Indonesien und hier herrscht wie in Großbritannien Linksverkehr. Da wird von links überholt, nicht von rechts wo der Mittelstreifen ist. Klingt logisch, mag sich mancher denken. Doch hier fahren sie wie sie wollen. Manche Rollerfahrer überholen von links, wieder andere von rechts und ich bin verwirrt. Wir fahren aus Jogja raus. Der Verkehr wird übersichtlicher, die Landschaft atemberaubender, denn es legt sich ein Reisfeld neben das Nächste. Ich fühle mich gut.

Kurz darauf werde ich vom Asphalt aufgesammelt. Einheimische helfen mir hoch. Neben mir surrt noch der Roller. Aus dem Augenwinkel sehe ich die Mädels in meine Richtung laufen. Alles ist surreal. Ich kann den rechten Arm nicht bewegen, sitze zwei Minuten auf der Bank, kann nicht sitzen, leg mich hin und weiß nicht wie, da der Druck auf die Schulter zu groß ist. Der rechte Arm ist ein einziger Schmerz, ich spüre wie das Blut aus der Wunde am Ellenbogen auf den Asphalt tropft. „Kannst du weiter? Sollen wir einen Krankenwagen rufen? Oder soll dich jemand bringen?“ Fragen über Fragen. Ich weiß es nicht.

Notaufnahme

Ein Einheimischer holt sein Auto. Er wird mich ins nächste Krankenhaus bringen. Ich tausche im Schmerzrausch Nummern mit dem Mädels aus, damit sie mich erreichen können. Sie nehmen den Roller mit. Ich kann im Auto nicht sitzen, also lege ich mich auf die Seite. „There is water.“, sagt er zu mir. „Ok.“ Bitte lass uns schnell angekommen, bitte lass uns einfach schnell ankommen. Wie lange dauert es wohl. Hoffentlich sind wir gleich da. Jede einzelne Wunde schmerzt. Auf den Zehen. Am Knie. An der Hüfte. Und ich glaube die am Ellenbogen explodiert gleich. Ich sehe die Überdachung der Notaufnahme über mir. Wir sind da.

Krankenhaus. Sie fragen mich kurz auf Englisch was passiert ist und erklären, dass sie die Wunden reinigen und desinfizieren werden. Ich weiß, dass es schmerzhaft wird, aber da muss ich jetzt durch. Das erste Ausspülen zum Reinigen liegt vom Schmerzfaktor noch bei einer 4. Das anschließende Desinfizieren mit einer Jodlösung liegt auf der Schmerzskala zwischen 9 und ich möchte die Liege zerstören. Die Wunde am Arm treibt mir die Tränen in die Augen. Sie rollen über meine Wangen, ich starre die Decke der Notaufnahme an und schreie kurz auf. Dann kommt der Verband drüber, denn die Wunde ist größer und tiefer als die anderen. Der Rest bleibt offen und soll an der Luft trocknen.

Ich will nur noch zurück ins Hostel. Die Mädels sind unterwegs, ich habe keinen Empfang und stelle später fest, dass ich ihre Nummern gar nicht eingespeichert habe. Ich bitte die Schwestern und Ärztin mir ein Taxi zu rufen. Das geht nicht, da der Fahrer kein Englisch kann. Ach so. Ich zeige ihnen die Anschrift des Hostels, erkläre er solle mich einfach dort hinbringen und dann geht das schon. Sie versuchen es erneut. Ich warte und warte und warte. Nichts passiert. Am Ende kommt kein Taxi, weil der Fahrer nicht in Lage ist mich am Hostel abzusetzen oder abzuholen.

Glück im Unglück

Wie auch immer. Ich öffne Maps.me, suche die nächste Bushaltestelle, hol mir auf dem Weg einen Isodrink, damit mir der Kreislauf nicht abrauscht und komme nach einer halben Stunde Fußmarsch an. Der Bus fährt bis an der Rand von Yogyakarta. Unterwegs werde ich angestarrt, angelacht, ausgelacht. Ich bin eine Attraktion, nicht wegen meiner Wunden, sondern wegen meiner Hautfarbe. Weil ich weiß bin. Weil ich anders aussehe. Ich ignoriere es, denn nicht alle sind so. An der Endhaltestelle hilft mir ein Einheimischer den richtigen Anschlussbus zu finden.

Glück im Unglück. Wir gehen zusammen zur Haltestelle und ich habe noch mehr Glück, der richtige Bus fährt gerade ein. Halbreingeschupst stehe ich im Bus. Wir fahren gefühlte zehn Minuten und haben schon die nächste Endhaltestelle erreicht. Umsteigen, weiter geht es. Ich brauche drei Stunden zurück zum Hostel, habe Hunger, will nur noch Abendbrot essen. Keine fünf Sekunden auf dem Hof klingelt mein Telefon. „Nicole?“, „Ja.“, „Geht’s dir gut?“, „Soweit schon, bin grad am Hostel angekommen.“ Die Mädels haben mich endlich erreicht, denn mit der indonesischen Vorwahl kamen sie nicht bei mir durch. Sie haben sich sorgen gemacht, das Hostel informiert, die wiederum in elf Krankenhäusern anriefen und mich nicht fanden.