Alleine reisen ist nicht immer einfach. Schon gar nicht, wenn du dich unterwegs getrennt hast, deine Freunde meilenweit entfernt sind, du müde bist neue Leute kennen zu lernen, keine Lust mehr hast dir Sehenswürdigkeiten anzusehen und die Muße für ein Buch fehlt. Also, was machen? Du schaust Netflixserien, denn Bewegtbilder beruhigen. Sie entspannen den Kopf, helfen Abstand von der Reisewelt zu bekommen und irgendwie war für mich nach der Trennung für jede Phase die richtige Serie dabei.
Die Ich-brauch-Abstand-von-allem-Phase
Ich will keinen Kontakt. Keine Bilder, keine Anrufe, keine Nachrichten. Mindestens für eineinhalb bis zwei Wochen. Ich will Abstand. Bitte sollst du haben. 24 Stunden später wurde ich auf dem Handy geblockt. So saß ich ohne eine vernünftige Erklärung und Kontakt zu meinem Partner allein in Sucre.
Das Problem am alleine sein ist allerdings, dass dein Gehirn permanent arbeitet. Es sucht nach Antworten und möchte das Warum verstehen, um zur Ruhe zu kommen. Da dein Gegenüber dich jedoch ignoriert, wirst du die Beweggründe nicht herausfinden und das tut weh.
Um den Schmerz zu vergessen, würdest du dich zu Hause mit Freunden ablenken. Die sind am anderen Ende der Welt aber nicht zur Hand und so habe ich in Momenten, in denen ich mir selbst ausgesetzt war, angefangen Friends zu schauen.
Friends
Friends hat mich schon in den 2000ern begleitet, und auch wenn sie keine Original Netflixserie ist, sie bleibt ein Klassiker. Ich hab die Serie ewig nicht gesehen und musste feststellen, manche Themen sind zeitlos. Zum Beispiel die Freundschaft, die sie haben. Damals wie heute sind Freundschaften kompliziert, ihre Dynamik zu verstehen erschließt sich einem Außenstehenden nur schwer und ihr Fundament besteht aus schonungsloser Ehrlichkeit in einem Augenblick sowie absolutem Zusammenhalt im anderen.
Dann wiederum gibt es Themen, die sehe ich heute differenzierter. So ist mir beim erneuten Schauen das erste Mal aufgefallen, dass sie schon damals Jobunzufriedenheit thematisierten. Unter allen Freunden ist Chandler der Einzige, der einem Job nachgeht, den er hasst. Der Rest der Clique folgt ihrer Leidenschaft. Auch wenn es am Anfang nicht leicht ist, so zeigt sich doch, wie wichtig es ist eine Arbeit zu haben, die du liebst. Ich sehe es bei meinem eigenen Freunden. Die, die in einem Job sitzen, den sie gerne machen, rocken diesen 1000 Mal mehr. Und sie sind auch nicht diejenigen, die jeden Montag posten: „Scheiße wieder Montag!“
Andere Themen lösen bei mir heute nur noch Kopfschütteln aus. Die Beziehung von Rachel und Ross zum Beispiel. Fand ich es in meiner Jugend noch romantisch, denke ich mir heute, wie naiv diese Beziehung ist. Sie schaffen es über Jahre nicht einen harten Cut zu machen und sabotieren sich gegenseitig die nachfolgenden Beziehungen. Es ist ein ständiges On und Off. Solche Partnerschaften sind einfach Gift und machen dich mehr unglücklich als glücklich. Natürlich geht man in Beziehungen auch mal durch schlechte Phasen. Doch wenn die negativen Momente die positiven bei weitem überwiegen, dann ist das nicht gesund. Du solltest dir schon mehr wert sein, als in so einer „Beziehung“ zu verharren.
Die Heute-ist-ein-guter-Tag-Phase
Meistens folgt der Ich-brauche-Abstand-von-allem-Phase ein Hoch, denn die Distanz hilft dir klarer zu sehen. Mit mal erkennst du, was du wert bist, dass niemand das Recht hat dich schlecht zu behandeln und dass du das Leben, in dem du gesteckt hast, nicht mehr willst. Genau in dieser Phase kam die neue Staffel von Grace & Frankie raus.
Grace & Frankie
Wie altert man eigentlich in Würde und was sind die Herausforderungen dessen? Seit dieser Reise hat sich mein Blick auf dieses Thema verändert, denn in vielen Ländern rund um die Welt wird älteren Menschen ein weitaus höherer Stellenwert zugeschrieben als in unserer westlich geprägten Gesellschaft. Davon mal abgesehen, zeigt die Serie hervorragend, dass das Leben im Alter nicht vorbei ist.
Auch wenn dir deine Gesundheit ständig ein Schnippchen schlägt, so kannst du dich auch im Alter noch outen, ein Unternehmen gründen und dir grundsätzlich deine Träume erfüllen. Schlussendlich macht die Serie auch klar, umso früher du damit im Leben beginnst, umso länger lebst du das Leben, das du immer wolltest. Bleibt also nur noch eine Frage: Warum warten?!
Die Ich-will-dich-zerstören-Phase
Richtig warum warten? Weil es in bestimmten Lebensphasen nicht so einfach ist, wie es scheint. In einem Moment siehst du klar und dann wiederum wird alles verschwommen. Du fühlst dich wie gelähmt, merkst, wie das Gift noch wirkt, denn mit Mal wurde wieder ein Schwall Toxine freigesetzt. Sie kommen in Intervallen zurück, die Worte, die wie Bleikugeln trafen und dich ganz langsam von innen heraus zerstören.
Umso mehr du darüber nachdenkst, was du dir alles anhören musstest, umso mehr Wut kommt in dir hoch. Wut über die eigene Torheit jemanden ins Leben gelassen zu haben, der dich ganz langsam kaputtmacht. Es ist die Wut darüber wie du behandelt wurdest, Wut darüber nichts dagegen getan zu haben, Wut zu lange geblieben zu sein. In solchen Phasen ist es nur menschlich, wenn du Rachegedanken hast und exakt in dieser Phase entdeckte ich den Denver Clan in meinen Empfehlungen.
Dynastie – Der Denver Clan
Der Denver Clan von Netflix neu aufgelegt, und zwar verdammt gut. Wie das Original ist auch die Neuauflage voll von Dramen, denn das ist scheinbar immer noch das was Menschen am meisten interessiert. Kaum ist ein Problem gelöst, kommt das nächste. Wäre das Leben der Familie Carrington eine Straße, sie würde nur aus Schlaglöchern und Baustellen bestehen. Fahren könnte man auf ihr allerdings nicht.
Und was thematisiert die Serie sonst noch. Zum einen, dass es Zeit ist, das mehr Frauen in Führungspositionen sitzen oder gründen. Und das geht laut Serie am einfachsten, wenn du in einer männerdominierten Welt die gleichen Eier hast. Zum anderen, dass immer noch die alten Regeln der Vertuschung in der Gesellschaft gelten. Willst du doch reinen Tisch machen, gibt es immer einen der die Wahrheit deckt. Damit sie ja nicht raus kommt, damit ja nicht die Falschen Schaden nehmen. Wir leben auch heute noch in einer Scheinwelt und das Einzige was zählt, ist gute PR.
Die Ich-will-Gerechtigkeit-Phase
Suits
Apropos Scheinwelt. Die wird auch in Suits gelebt. Patrick J. Adams spielt Mike Ross, der ohne Abschluss als Anwalt in einer renommierten New Yorker Anwaltskanzlei anfängt. Wie er das schafft? Durch Zufall landet er bei einem Jobinterview von Harvey Specter und besteht dank Smartness gepaart mit seiner Hochbegabung. Einerseits ist es die Kombination, die ihn einen Prozess nach dem anderen gewinnen lässt. Andererseits ist es die Kombination, die ihn immer wieder dazu bringt der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und sich zu stellen. Denn lässt man die Sympathie der Person gegenüber mal außen vor, dann begeht er immer noch eine Straftat.
Ich hab die Serie lange vor mir hergeschoben, doch irgendwie kam sie im richtigen Moment zu mir. Denn ehrlich gesagt, im Leben geht es nicht darum Rache zu nehmen – dafür gibt es Karma. Es geht vielmehr um Gerechtigkeit. Zu viele Menschen laufen durch die Welt, ohne Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Sie kommen mit allem durch und denken es ist in Ordnung. Doch das ist es nicht.
Wir sind ein Spiegelbild von veralteten Werten, die wir von unseren Eltern und Großeltern vermittelt bekommen haben. Werte, die in einer Zeit entstanden als die Gesellschaft noch anders funktionierte. Doch die Zeit ist nicht stehen geblieben und es gilt diese Werte immer wieder zu hinterfragen. Und wenn du merkst, dass du bestimmte Werte nicht mit dir vereinbaren kannst, dann mach was dagegen, auch wenn du Gegenwind bekommst.
Die Ich-bin-Großartig-Genauso-wie-ich-bin-Phase
Ich hab die letzten Jahre ausreichend Gegenwind bekommen und es hat mich eine ganze Reise gekostet, um wieder zu erkennen, dass ich großartig bin. Es hat gedauert, bis ich gemerkt habe, dass ich mit Zopf genauso hübsch bin wie mit offenen Haaren, dass ich in Jeansshorts gut aussehe, dass es in Ordnung ist, mal nicht den perfekten Arsch zu haben und dass ich mehr bin als meine Äußerlichkeiten. Schließlich ist kein Mensch perfekt.
Ich weiß, dass ich auf dem richtigen Weg bin, dass ich mich nicht von meinen Ängsten und der Gesellschaft definieren lasse und dass ich es verdient habe mit Respekt behandelt zu werden. Es ist ein Prozess, den du durchläufst und zu dieser Erkenntnis hat auch Stück RuPaul’s Dragrace beigetragen.
RuPaul’s Dragrace
Du denkst Germanys Next Top Model ist hart. Bitch, please! Dann schau dir erst mal RuPaul’s Dragrace an. Wobei du dann übrigens auch merkst, wo sie für GNTM letzte Staffel inklusive Finale kopiert haben. Die Serie habe ich in Bangkok von einem Kanadier empfohlen bekommen, mit den Worten „You gonna love it!“ So viel vorab, er behielt Recht. RuPaul’s Dragrace ist dope und du kannst auch noch einiges für deine eigene Persönlichkeitsentwicklung mitnehmen. Zum Beispiel das du nicht alleine bist, wenn es um Mobbing, Bullying & Co. geht.
Ich habe nicht eine Dragqueen in der Serie gesehen, die nicht davon geprägt war. Es fängt in der Jugend an, macht nach der Schule keinen Halt und hört erst auf, wenn du nichts mehr darauf gibst, was andere von dir denken. Und das ist am Ende jeder Folge auch die wesentlichste Botschaft. Wenn du dich nicht selbst lieben kannst, wie zur Hölle willst du dann jemand anderen lieben.
Die Ich-kann-nicht-mehr-Phase
13 Reasons Why
Was passiert, wenn du dir deines Wertes nicht bewusst bist, anderen den Raum gibst dich kleinzureden, zu diskreditieren und zu diffamieren, zeigt 13 Reasons Why. Die Serie stellt extrem realistisch dar, was es in einem Menschen anrichtet, wenn er immer und immer wieder in kleinen Dosen mentaler und eventuell sogar körperlicher Gewalt ausgesetzt ist. Er zermürbt. Ganz langsam und leise. Irgendwann nehmen die schlechten Tage überhand über die guten. Es wird zu einem Spiel zwischen Freude hoch jauchzend und zu Tode betrübt.
Oftmals ist es ein stummer Schrei nach Hilfe, der irgendwann durch angestaute Gefühle eskaliert. Im Falle von Hannah Baker in Form eines Selbstmordes. Auf 13 Kassetten, die sie vor ihrem Suizid aufgezeichnet hat, erklärt sie, welche Ereignisse zum Selbstmord führten und dass der Opfer- und Täterkreis meist größer ist als man denkt. Gewalt funktioniert wie ein Schneeballsystem, das langfristig zum Selbstläufer wird.
Vor allem in der zweiten Staffel zeigt die Serie auch, wer in der Lage ist Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen und wer nicht. Oftmals sind es nicht die Täter, die Reue zeigen. Werden sie vom Gesetz nicht in ihre Schranken gewiesen, leben sie unbedarft weiter und reden sich die Realität, wie sie ihnen passt. Und zu allem Überfluss glauben die Meisten ihren Lügen sogar und hüllen die Wahrheit in einen Umhang aus Schweigen. Doch genau dieses Stille ist es, die Opfer an den Rand der Verzweiflung bringt und langfristig in dieser Gesellschaft nichts ändert.
Die Telefonseelsorge
Wenn es dir emotional schlecht geht und du Hilfe benötigst, dann kannst du dich jederzeit an die Telefonseelsorge wenden. Den Schritt bin ich unterwegs an einem meiner tiefsten Punkte in Vietnam auch gegangen. Die Berater sind rund um die Uhr per Telefon oder Chat erreichbar.
Eine Stunde saß ich im Chat mit einem / einer Berater*in und konnte reden, ohne bewertet zu werden. Denn, manchmal reicht das Gespräch mit Freunden und Familie nicht aus. Entweder, weil sie emotional zu stark involviert sind oder die Zeitverschiebung dafür sorgt, dass sie schlafen, während du dich gefühlsmäßig in der Hölle befindest.
Informationen und Hilfe bekommst du auch über die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention. Das gilt sowohl für Betroffene als auch Angehörige. Gerade als Angehöriger ist es wichtig, zu wissen, wie man mit dem Betroffenen umgeht, ohne dass er sich danach schlechter fühlt als zuvor.
Du bist nicht allein
Sich unterwegs zu trennen und dann alleine zu reisen ist nicht einfach. Es belastet unsagbar, insbesondere mit den ganzen negativen Gefühlen konfrontiert zu werden. Es gibt Augenblicke, da fühlst du dich einsam, vermisst Freunde und Familie, vielleicht auch deinen Partner. Es gibt Tage, da willst du die Reise sofort beenden und wieder andere, an denen du sie einfach genießt. Es ist eine permanente Achterbahnfahrt der Gefühle, ob du abbrichst oder weiterreist, liegt bei dir. Egal wie du dich entscheidest – es ist o.k.
Ein Zeichen für das Leben
Und zum Schluss solltest du eines nie vergessen: Du bist besser, du zählst, dein Leben ist wichtig. Genau das ist auch die Botschaft des Semikolon Projektes. Deine Geschichte ist noch nicht zu Ende geschrieben; sie fängt gerade erst an.